Domestizierung
Domestizierung
Genetische Belege
Die Domestizierung des Wolfes konnte zeitlich bisher nicht genau
geklärt werden. Erste Studien zur DNA der Wölfe kamen zum Schluss, dass
die Domestikation bereits vor mehr als 100.000 Jahren begonnen hätte
und mehrfach unabhängig voneinander stattfand. Die zeitliche Dimension
ist heute umstritten, da sie auf reinen Hochrechnungen der molekularen
Uhr beruht und älteste Knochenfunde nur etwa 30.000 Jahre
zurückreichen. Die heute existierenden Hunderassen lassen sich
genetisch vier verschiedenen Domestikationsereignissen zuordnen. Der
Haushund dürfte auch nach seiner ersten Domestikation noch lange
phänotypisch dem Wolf geähnelt haben, weshalb eine eindeutige Zuordnung
älterer fossiler Funde nicht immer möglich ist. Für Ostasien deutet
eine molekulargenetische Untersuchung auf Haushunde vor etwa 15 000
Jahren. Kleine Hunderassen sind vor 12 000 erstmals im Vorderen Orient
gefunden worden. Der Wachstumsfaktor IGF1 an heutigen kleinen
Hunderassen lässt aus genetischer Sicht auf die Abstammung aus dieser
Region vermuten, was als Folge der Domestizierung des orientalischen
Grauen Wolfs gedeutet wird.
Die von Theophil Studer aufgestellte und noch von Konrad Lorenz
vertretene Hypothese, dass der Hund mindestens teilweise vom
Goldschakal (Canis aureus) abstamme, ist anhand von DNA-Analysen
widerlegt worden. Weiteres zu Abstammungstheorien des Haushundes siehe
Hauptartikel Urrasse.
Archäologische Funde
Die ältesten fossilen Belege für die Existenz des Haushundes stammen
aus dem Jungpaläolithikum. Ein fossiler Hundeschädel aus der
Goyet-Höhle in einem Nebental der Maas (bei Andenne, Belgien) wurde
mittels Radiokohlenstoffdatierung auf 31.700 BP datiert, was der
steinzeitlichen Kultur des Aurignaciens entspricht. Die Veränderungen
am Gebiss (Schrägstellung einzelner Zähne, kulissenartige
Hintereinander-Stellung mehrerer Prämolaren) und die damit verbundene
Verkürzung des Fazialschädels wurden bei Hundeschädeln aus
verschiedenen altsteinzeitlichen Siedlungsplätzen festgestellt, zum
Beispiel auch bei den bis zu 30 000 Jahre alten Canidenresten vom
Wachtberg in Krems, einem Fundplatz des Gravettiens. Die
Schädelveränderung (kürzere und breitere Schnauze) aufgrund veränderten
Fressverhaltens wird bereits bei diesen sehr alten Fossilfunden als
Domestikationsmerkmal angesehen, was als alleinige Interpretation
jedoch umstritten ist.
Von der spätpaläolithischen Fundstelle Eliseevichi 1 in der
zentralrussischen Ebene (Region Brjansk) sind Hundeknochen bekannt, die
auf 17 000–13 000 v. Chr. datiert werden. Die Fundstelle liegt im
Dnepr-Tal am Sudost, einem Nebenfluss der Desna. Die Fauna wird durch
das Wollhaarmammut dominiert und datiert in die letzte Stufe der
Waldajeiszeit (entspricht der Weichseleiszeit Mitteleuropas). Kulturell
wird sie dem Epi-Gravettien zugerechnet. Die Siedlung wurde zwischen
1930–1940 durch K. M. Polikarpovitch ausgegraben, wobei zwei komplette
Hundeschädel gefunden wurden. Der erste lag an einer Herdstelle, ein
weiterer in einer Behausung aus Mammutknochen. Die Hunde hatten eine
kurze Schnauze und waren etwa 70 cm hoch. Diese Schädel von Eliseevichi
und vom etwa gleich alten Fundplatz Mezhirich bei Kaniw (Ukraine)
werden allgemein als älteste domestizierte Exemplare akzeptiert. Am
französischen Magdalénien-Fundplatz von Saint-Germain-de-la-Rivière
konnte anhand der Untersuchung stabiler Isotope in den Hundeknochen
erstmals nachgewiesen werden, dass sich die Nahrungsgrundlage der Hunde
den Menschen angepasst hat. Sowohl die Menschen als auch die Hunde
dieser Siedlung ernährten sich überwiegend von großen Herbivoren und
Lachsen.
Eindeutige Indizien der Domestizierung bieten Hunde, die mit
Verstorbenen zusammen begraben wurden. Zu den ältesten Belegen einer
Hundebestattung gehört das etwa 14 000 Jahre alte Doppelgrab von
Oberkassel. Etwa zur selben Zeit ist auch im Natufien des Vorderen
Orients die erste menschliche Bestattung mit Hund nachgewiesen, an
einem Fundplatz auf der Hayonim-Terrasse im Norden Israels. Etwas
jüngere Belege bieten das etwa 10 000 Jahre alte Grab von Ushki-1
(Kamtschatka), Ust'-Belaia (Sibirien) sowie die Fundplätze Vlasac und
Lepenski Vir am Eisernen Tor (Serbien, Frühmesolithikum). Im
Spätmesolithikum sind Hundebestattungen auch in Nordeuropa verbreitet,
zum Beispiel in der skandinavischen Ertebølle-Kultur (Skateholm,
Schweden).
Weit verbreitet ist der Haushund in Kulturen der Jungsteinzeit.
Bereits in der ersten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas, der Bandkeramik
(seit 5500 v. Chr.), gibt es gehäuft Hunde in Gräbern und Siedlungen.
Es handelt sich dabei nicht um wolfsähnliche Hunde, sondern mittelgroße
Rassen, wie den Torfhund (Canis palustris). In der bandkeramischen
Siedlung von Zschernitz in Sachsen wurde im Jahre 2003 ein separat
bestatteter Torfhund gefunden. Ein weiterer prominenter Fund war der
Torfhund von Burlage, dessen Datierung in die Bronzezeit jedoch heute
umstritten ist.
Im Alten Ägypten wurden neben Menschen und Katzen auch Hunde mumifiziert.



